Wie Dorfgemeinschaften ihren Regenwald beschützen
Wie schützt man einen der artenreichsten Regenwälder der Erde? Auf Borneo zeigen indigene Gemeinden gemeinsam mit dem WWF und unterstützt von Bosch Power Tools, dass Naturschutz und nachhaltige Entwicklung Hand in Hand gehen können – mit Waldpatrouillen, Aufforstung, sauberem Trinkwasser und neuen Einkommensquellen. Ein Einblick, wie lokales Engagement den Regenwald für Mensch und Natur bewahrt.
Die Insel Borneo ist eine Schatzkammer der Biodiversität und Heimat eigener Arten wie den Borneo-Orang-Utans, Borneo-Zwergelefanten oder dem Borneanischen Nashorn. Doch die Insel zählt auch zu denjenigen Gebieten, in denen der Verlust an Tropenwald besonders hoch ist. Im indonesischen Teil Borneos ist nur noch ein knappes Drittel des Waldes intakt.* Und die Abholzung schreitet weiter voran. Das hat nicht nur Auswirkungen auf das globale Klima, sondern auch auf die Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung. Ein WWF Projekt, unterstützt von Bosch Power Tools, setzt sich dafür ein, ein Gebiet von ca. 224.000 Hektar – das entspricht der dreifachen Fläche Berlins – mit hohem Naturschutzwert zu erhalten, nachhaltig zu bewirtschaften und rechtlich vor weiterer Abholzung zu schützen.
Ein Dorf beschützt den heimischen Tropenwald
Zum Distrikt Kapuas Hulu im Herzen Borneos gehört der sogenannte Labian-Leboyan-Korridor. Dieser verbindet zwei Nationalparks und beheimatet tausende Tier- und Pflanzenarten. Durch Waldbrände und größtenteils illegale Rodung bis Mitte der 2000er Jahre hat der Wald jedoch stark gelitten. Der WWF unterstützt indigene Gemeinden in Kapuas Hulu dabei, die verbliebenen Wälder zu schützen und wieder aufzuforsten. Das kleine Dorf Ngaung Keruh beispielsweise besteht aus einem einzigen großen „Langhaus“, in dem 27 Haushalte unter einem Dach zusammenwohnen. Der Wald ist die Lebensgrundlage für die Dorfbewohnerinnen und -bewohner. „Der Wald schenkt uns alles, was wir brauchen: Nahrung, Baumaterial, Medizin. Und auch Produkte, die wir verkaufen können, zum Beispiel Früchte, Gemüse oder natürliches Färbemittel“, erzählt Robertus Tutong, Ortsvorsteher von Ngaung Keruh.
Das Dorf hat eine Waldmanagementgruppe gegründet. Sie besteht aus 30 Personen und patrouilliert regelmäßig mehr als 485 Hektar Waldfläche, um illegale Rodung aufzudecken beziehungsweise durch ihre Präsenz davor abzuschrecken. Außerdem hat die Gruppe bereits 50 Hektar geschädigten Wald mit neuen Baumsetzlingen angereichert. Das ist ein aufwändiges Unterfangen: Der WWF hilft durch Satellitendaten dabei, die Stellen zu identifizieren, wo der Wald am meisten geschädigt ist. Die Gruppenmitglieder überprüfen die Fläche vor Ort und messen sie entsprechend aus. Um sicherzugehen, dass die Bäume an die lokalen Gegebenheiten angepasst sind, sammeln die Dorfbewohnerinnen und -bewohner vor Ort Samen und ziehen daraus Setzlinge. Sind diese groß genug, werden sie in den Wald getragen. Das ist mühsam, denn das Gelände ist hügelig und die Flächen oft bis zu zwei Stunden Fußmarsch vom Dorf entfernt. Doch es lohnt sich. Robertus Tutong berichtet stolz: „Wir haben schon über 13.000 Setzlinge gepflanzt.“
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In der Baumschule in Ngaung Keruh werden die Setzlinge großgezogen © WWF -
In einem traditionellen Langhaus lebt die ganze Gemeinde unter einem Dach © WWF
Neue Chancen durch sauberes Wasser
Bereits 2016 unterstützte der WWF das Dorf Ngaung Keruh dabei, einen kleinen Staudamm zu bauen. So konnte das Langhaus mit einer Wasserleitung versorgt werden, wodurch das Wasser nicht mehr mühsam vom Fluss geholt werden muss. 2025 funktionieren der Damm und die Wasserleitung noch immer und dank des effektiven Waldschutzes in Ngaung Keruh ist auch die Wasserqualität sehr gut. Leider trifft das nicht für alle Flüsse in der Region zu. Durch die Zerstörung des Waldes kommt es zu Bodenerosionen und vermehrtem Eintrag in die Flüsse. Auch illegaler Goldabbau verschmutzt das Wasser. Viele Menschen müssen deshalb abgefülltes Wasser kaufen, das von weit her geliefert wird.
Das brachte Robertus Tutong auf eine Idee: Das saubere Wasser aus seinem Dorf abfüllen und verkaufen. So kann Ngaung Keruh zusätzliches Einkommen erwirtschaften und die benachbarten Dörfer können durch kürzere Transportwege günstiger Wasser einkaufen. Doch bevor das Wasser verkauft werden darf, müssen einige Kriterien erfüllt werden. Zunächst wurde eine Machbarkeitsstudie durchgeführt und die Wasserqualität im Labor getestet – mit positiven Ergebnissen. Die Gemeinde investierte daraufhin in ein Gebäude zur Wasserabfüllung und der WWF konnte dank der Unterstützung von Bosch Power Tools eine Filter- und Abfüllanlage beisteuern. Nachdem das gefilterte Wasser die finalen Qualitätstests bestand, kann der Verkauf endlich starten. Pro Tag kann das Dorf künftig circa 185 Liter Wasser abfüllen.
Ernten, schützen, bewahren
Auch in der Region Kalis Suruk unterstützt der WWF vier Dörfer dabei, Naturschutz mit alternativen Einkommensquellen zu verbinden. Neben traditionellem Wanderfeldbau pflanzt die Bevölkerung dort Reis, Kaffee, Gewürze und Gemüse an. Doch der Klimawandel bringt immer längere Trockenperioden und heftigere Regenfälle. Das begünstigt auch die Ausbreitung von Schädlingen. Für die Gemeinden bedeutet das weniger Ernte und mehr Unsicherheit. Sie müssen ihre Landwirtschaft an das sich verändernde Klima anpassen.
Gemeinsam mit der Universität in der Provinzhauptstadt Pontianak führte der WWF Bodenanalysen durch, um dafür geeignete Pflanzensorten auszuwählen. Zudem gab es Schulungen zur Herstellung ökologischer Pflanzenschutz- und Düngemittel sowie zur sogenannten Fertigation – einer Methode, die Wasser und Nährstoffe gezielt an die Wurzeln leitet. Das spart Ressourcen und verbessert die Erträge. Ein weiterer Hebel ist die Weiterverarbeitung der Erzeugnisse. Denn höherwertige Produkte bringen bessere Preise. Die Dörfer verkaufen nun Kurkuma-, Chili- und Ingwerpulver, Ingwersirup und kandierte Auberginen. Sogar ihr organischer Dünger ist gefragt. Eine besondere lokale Wildpflanze ist die „Salak Hutan“, auf Deutsch Wald-Schlangenfrucht. Zusammen mit einem Forschungsinstitut testete der WWF Verarbeitungsmöglichkeiten und wies nach, dass die Frucht den nationalen Lebensmittelstandards entspricht. Nun stellen die Haushalte beispielsweise Chips und Kekse aus der aromatischen Delikatesse her. Durch die stabileren Erträge und besseren Einnahmen müssen die Dörfer ihre Anbauflächen nicht mehr ausweiten – und es kann mehr natürlicher Lebensraum für Tiere und Pflanzen erhalten werden.
Fragen an den WWF
Dr. Stefan Ziegler ist Biologe und beim WWF Deutschland für die Projekte in Südostasien zuständig.
Warum unterstützt der WWF gerade in dieser Gegend auf der Insel Borneo?
Die Region Kapuas Hulu ist ein wichtiger Lebensraum für den Nordwest-Borneo-Orang-Utan, die kleinsten Borneo-Orang-Utan-Unterart. 64 Prozent der insgesamt nur noch 5.700 Exemplare leben in dieser Gegend.** Es ist daher enorm wichtig, ihren Lebensraum zu schützen. In dem Distrikt leben auch viele indigene Gemeinden, die in besonderem Maße mit den Wäldern verbunden sind und sich für deren Erhalt einsetzen. Allerdings stellt der Klimawandel eine große Herausforderung für sie dar. Deswegen unterstützt der WWF die indigenen Gruppen dabei, traditionelle Methoden an die Klimaveränderung anzupassen.
Wie ist das Projekt vor Ort organisiert?
Für die Akzeptanz und Nachhaltigkeit unserer Projekte ist es sehr wichtig, die Interessen, Bedürfnisse und Kompetenzen vor Ort zu kennen und darauf aufzubauen. Der WWF Indonesien hat ein eigenes Projektbüro in Kapuas Hulu. Die meisten Mitarbeitenden kommen aus der Region und sprechen die lokalen Sprachen. Durch unsere langjährige Präsenz vor Ort sind wir als WWF gut vernetzt und genießen großes Vertrauen. Wir arbeiten auch mit unterschiedlichen Regierungsbehörden zur Raumordnungsplanung oder Dorfentwicklung sowie mit Forstverwaltungen und anderen NGOs zusammen.
Was sind die Hauptziele des Projekts?
Unser übergeordnetes Ziel ist, einen Waldkorridor auf der Insel Borneo mit hohem Naturschutzwert zu erhalten, nachhaltig zu bewirtschaften und rechtlich zu schützen. Dies soll erreicht werden, indem Gemeinden Zugang zu nachhaltigen Einkommensquellen haben, die auf klimaresilienter Landwirtschaft, lokaler Wertschöpfung und naturbasierten Lösungen aufbauen.
Was ist der größte Erfolg seit Beginn des Projekts?
2024 wurden der Labian-Leboyan Korridor und angrenzende Gebiete mit insgesamt knapp 282.000 Hektar, ein Gebiet fast so groß wie Luxemburg, als Wildtierkorridor ausgewiesen. Der WWF hat dafür durch Studien und Beratung die Grundlage geliefert. Damit ist die Basis geschaffen, den Korridor langfristig vor intensiver wirtschaftlicher Nutzung und der Umwandlung in Plantagen zu bewahren.
* McAlpine, C. A. et al. (2018): Verlust von Waldflächen und das Klima Borneos. Environmental Research Letters, 13. 10.1088/1748-9326/aaa4ff.
** Utami-Atmoko, S. S. et al. (2017): Bewertung der Lebensfähigkeit von Orang-Utan-Populationen und -Habitaten (PHVA): Abschlussbericht. IUCN/SSC Conservation Breeding Specialist Group, Apple Valley, MN.
Fazit
Borneos Regenwald gehört zu den artenreichsten Ökosystemen der Welt, ist jedoch durch Abholzung stark bedroht. Gemeinsam mit dem WWF schützen indigene Gemeinden wertvolle Waldgebiete, forsten zerstörte Flächen auf und schaffen nachhaltige Einkommensquellen – von sauberem Trinkwasser bis hin zu klimafreundlicher Landwirtschaft.

